Wir, Spaniens verlorene Generation?

Von Fatima Gonzalez-Torres, Madrid

“Más por menos”, mehr für weniger, lautete die Kampagne mit der die Madrider U-Bahn, ein öffentliches Unternehmen, vergangenen August erklären wollte, wie günstig der öffentliche Verkehr in der spanischen Hauptstadt ist. Die einfache Fahrt war im Handumdrehen um 50% erhöht worden, von 1 Euro auf 1.50, und die Werbekampagne sollte die Aufstockung verdaulicher machen. “Verarschen kann ich mich selbst”, meinte eine Passantin dazu. Wie recht sie hat!

Angesichts der Proteste, wurden auf den Plakaten die Madrider Fahrpreise mit anderen Städten verglichen, wie Paris (1.70), New York (1.83), Oslo (3.61) und London (4.64). Auch hierzu reagierten die Fahrgäste stinksauer und entwurfen ihre eigene Kampagne. Die neuen Plakate der Metro-Direktion wurden handschriftlich verziert. Neben der Vergleichstabelle der Fahrpreise wurden die jeweiligen Mindest- und Durchschnittslöhne anderer Länder geschrieben: Luxemburg (1.750), Belgien (1.389), Frankreich (1.350), Irland (1.653), Holland (1.385), England (1.005) und Spanien (641).

Es ist unmöglich herauszufinden, wer die schlaue Antwort ins Rollen brachte, die in nur einem Tag praktisch alle Plakate der Stadt beschmückte, doch es könnte einer der vielen Studenten und Jugendlichen in Spanien gewesen sein, der seiner Wut freien Lauf lassen wollte. Gründe gibt es zur Genüge, zum Beispiel die mit 50% extrem hohe Jugendarbeitslosigkeitsquote. Die Präsidentin von Madrid, Esperanza Aguirre, hat vor einem Monat bekannt gegeben, dass die Preise der Metro und Busse ab Mai nochmal um 11% erhöht werden. Aber abgesehen von privaten Kommentaren in sozialen Netzwerken und einigen Zeitungsartikeln blieb diesmal eine Protestreaktion fast gänzlich aus.

Es ist fast so, als hätten die ‘Indignados’ aufgegeben, die Empörten, wie die protestierenden Studenten im Mai vergangenes Jahr getauft wurden. Als hätten sie keine Lust mehr auf Proteste, die ihre Regierung sowieso nicht davon abhalten werden mehr Einschnitte durchzuführen, weiterhin Löhne zu kürzen und trotzdem die Mehrwertsteuer zu erhöhen. Bereits 68% der Jugendlichen sind dazu bereit und entschlossen, auszuwandern und irgendwo anders zu arbeiten.

Auf mehr als einen befristeten Vertrag für 400 Euro im Monat für Vollzeitarbeit können sie nicht hoffen, auch wenn sie Architektur, Biologie oder Informatik studiert haben. Trotz Masterstudien, Praktika und noch mehr Praktika. Die Jugend hat die Krise satt, wortwörtlich. Sie hören, lesen, reden und schreiben seit vier Jahren nur noch über die Krise, auch das ein Grund, ins Ausland zu entkommen.

Experten warnen schon, nach der Wirtschaftskrise werde Spanien in ein demografisches Loch fallen. Die Erwachsenen von morgen fliehen ins Ausland, vom Geld was ihr Land in ihre Ausbildung investiert hat, profitieren andere. Beispielsweise Deutschland, wo die Mehrheit der Spanier Arbeit sucht. ‘Braindrain’ nennt sich das, die klugen Köpfe fliegen und haben vor, lediglich für den Urlaub zurückzukommen. Und sie haben damit kein Problem, denn Spanier sind anders als das gängige Klischee nicht eben patriotisch gesinnt. Fussball ist Fussball und wenn wir einmal die Europa- und Weltmeisterschaft gewinnen, hisst jeder die Fahne. Doch diese verschwindet ganz schnell wieder im Schrank sobald der Wettbewerb vorüber ist. Keiner denkt beispielsweise daran im eigenen Land zu investieren oder neue Geschäftsideen umzusetzen, um dem Land wieder aug die Beine zu helfen.

„El pueblo unido, jamás será vencido“ ist einer der Slogans der Indignados, „das vereinte Volk kann nicht besiegt werden”. Das Problem aber ist, dass das Volk nicht wirklich vereint ist. Als 2011 zum ersten Mal die Massen in Madrid protestierten und in den Monaten danach auch in anderen Städten des Landes, träumte Spanien kurz vom Zusammenhalt. Seitdem wird die Bewegung konstant herabgewürdigt, die Regionen streiten. Zuletzt darüber, wie viel sie ihr Budget kürzen müssen. Spanier können nicht patriotisch sein, weil ihre eigenen Politiker ein schlechtes Vorbild abgeben. Nicht nur mit nationalistischen Parolen, die Krise hat auch die jahrelangen Verschwendungen der spanischen Regionen enthüllt.

So hat eine kleine Gemeinde in Madrid von 16.091 Einwohnern zugegeben, sich 23 Stadträte zu leisten, die sich allenfalls als schmückendes Beiwerk bei Sitzungen eignen, weil sie darüber hinaus in so einem kleinen Ort nicht viel zu tun haben. Solche Beispiele gibt es zu tausenden. Ebenso unsinnig war der Bau eines Flughafens in Castellón, einer Stadt mit knapp 200.000 Einwohnern, die nur zweieinhalb Stunden weit von der regionalen Hauptstadt Barcelona und Valencia liegt, beide mit Flughäfen ausgestattet. Der in Castellón wurde seit seiner Einweihung März 2011 nicht einmal benutzt. Wer genau sein Geld darin wusch, ist noch nicht ganz klar.

Empörung, Wut, Zorn. Die Jugendlichen sind durch alle Phasen gegangen. Sie wurden als ‘Ni-Ni’ beschimpft als sie das erste Mal protestierten. Mit dem Ausdruck, der „weder noch“ bedeutet, werden Jugendliche bezeichnet, die weder arbeiten noch eine Ausbildung machen, sondern zu Hause bei den Eltern wohnen. Sie repräsentieren nur 2% aller Jugendliche, eine klare Minderheit. Trotzdem ging der Ausdruck um die Welt und die Spanier galten als faul und wenig ausgebildet.

In Wahrheit ist diese Generation die akademisch bisher best ausgebildeteste . Viele sprechen mehrere Sprachen, die meisten haben ein Universitätsstudium absolviert. Viele machen Austauschsemester und Praktika während des Studiums und knüpfen am Ende noch ein Master an. Alles umsonst, für einige Experten gelten sie schon als die verlorene Generation. Schon vor der Krise war es in Spanien besonders schwer eine Arbeit zu finden, in ganz Europa hatte Spanien schon 2008 die höchste Jugendarbeitslosenquote.

Wer kann, der flieht aus dem Land. Den Beamten, ihren Eltern, werden die Löhne eingeforen. Wer in privaten Unternehmen arbeitet, wird in die Frührente geschickt, um die Arbeitsstellen mit Studenten zu füllen, die unverschämt niedrige Löhne akzeptieren, meist aus Not. Die Arbeitsmarktreform die die konservative Regierung Anfang des Jahres durchführte, hat dieses Vorgehen legalisiert. Offiziell um die „strengen Regeln des spanischen Marktes“ zu lockern und „Jugendlichen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern“, erklärte die spanische Vizepräsidentin, Soraya Sáenz de Santamaría. Auch Entlassungen wurden erleichtert.

Bei einer Regierung, die ihre Jugend nicht beschützt, ist es nicht überraschend, dass alle ins Ausland wollen. Wer im Land bleibt, wird eine immer klassenorientiertere Gesellschaft erleben, wie sie sich die Konservativen wünschen und gerade aufbauen. Die Semestergebühren werden ab dem nächsten Jahr um 500 Euro erhöht. Dies ist eine weitere Maßnahme nach dem Bologna-System, die Jugendlichen aus weniger reichen Familien das Studieren noch mehr erschweren wird. Anwesenheitspflichten in allen Fächern hindern die Studenten nebenher zu arbeiten, um das Studium zu finanzieren. Zukünftig werden Medikamente selbst bezahlt werden müssen, die Kürzungen in Bildung (21,2%) sind sehr viel höher als in im Verteidigungssektor (8%). Die Hilflosigkeit ist groß, vor allem wenn eine Gruppe von Repräsentanten aus Deutschland und der Europäischen Union die Kürzungen analysieren und gutheißen, keiner scheint die Not zu erkennen. 11.5 Millionen Menschen in Spanien stehen mit einem Bein in der Armut.

Ganz kurz erhoben sich im März nochmal die Stimmen, als der Innenminister verkündete, dass er in einer neuen Gesetzesvorlage den Aufruf zu Protesten in sozialen Netzwerken kriminalisieren möchte. Auch passiver Widerstand gegen Sicherheitskräfte wolle er als Straftat einstufen. Schnell waren im Internet Fotos von Ghandi im Umlauf, mit der Aufschrift “Ich bin Terrorist”.

Madrid bereitet sich den 15. Mai vor, den Jahrestag der Protestbewegung der Indignados. Schon am Wochenende zuvor sollen die Proteste beginnen. Wie viele noch Kraft und Hoffnung haben, wird sich dann zeigen. Die Mehrheit ist zwar von den Kürzungen betroffen und der 15-M verteidigt ihre Rechte, doch nur wenige Jugendliche waren und sind politisch aktiv. Viele sind gar nicht mehr in Spanien, sie sind bereits geflohen.

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