Hitzlsperger-Hype: So lächerlich zurückgeblieben

Von Marion Kraske

Es ist ja fast so, als sei die deutsche Öffentlichkeit in den letzten Tagen mit einem Erdbeben der Stärke neun befasst gewesen. Da hat sich, Achtung Achtung, ein Fußballer geoutet, dazu bekannt, Männer zu lieben – und die Republik läuft sprichwörtlich Amok. Nicht nur die viel zitierte Medienmaschinerie, auch der übrige öffentliche Apparat, einschließlich der Politik, ist mit dem Thema befasst. Es hat den Anschein, als sind da manche aus einem langenlangen Dornröschenschlaf aufgewacht: Ach was, es gibt neben schwulen Bürgermeistern und schwulen Außenministern auch schwule Fußballer. Was für eine Sensation!

Hitzlsperger wird nun landauflandab gelobt, was das Zeug hält. „Es ist gut, dass er über etwas spricht, das ihm wichtig ist, das ihn womöglich auch befreit”, schwurbelt Merkels aalglatte Sprechpuppe Seibert. Und selbst der britische Premier Camoron lässt verlauten, dass er dem Fußballer für seinen Schritt Bewunderung zolle.

Die Medien sind seit dem Outing in der Zeit aufs Heftigste bemüht, die Sache am Kochen zu halten. Jedes noch so kleine dämliche Detail wird zu einer vermeintlichen neuen Riesensensation aufgebauscht. Die Frage, um die es eigentlich gehen müsste, die Frage, WARUM die sexuelle Orientierung eines Fußballers und das offene Bekenntnis dazu hierzulande überhaupt als Sensation gilt, wird leider nicht gestellt. Damit outet sich vor allem auch die mediale Öffentlichkeit als Teil des Problems.

Von wegen Chancengleichheit

Und so wird, statt zu analysieren, was das Ganze über uns, über unsere Gesellschaft aussagt, weiter hochgejazzt, jedes Fitzelchen aus der Causa herausgequetscht: Dass Hitzlsperger ES dem Bundestrainer schon vor der EM 2012 verriet, dass Fan-Experten sagen, ein schwuler Fußballer sei kein Problem (ach ne?) Bis hin zu der wirklich unterirdischsten aller Fragen, ob ein Schwuler denn eigentlich Werbestar sein kann? Diese Frage ist ungefähr so unerträglich wie die, ob ein Journalist auch Mensch, Katholik, generell Vorbild sein kann. Hallo? Geht´s noch? Liebe Kollegen, merkt ihr noch was?

Die Riesensensation an dem Outing Hitzlspergers ist doch nicht dessen Bekenntnis zur Homosexualität, sondern die Tatsache, dass sich in dieser seit Tagen grassierenden Aufgeregtheit ein Land (auch die angeblich so aufgeklärten Medien) auf peinlichste Art und Weise selber entlarvt. Als provinziell. Als lächerlich zurückgeblieben. Von wegen Chancengleichheit!

Charta der Vielfalt – Wertschätzung eher die Ausnahme denn die Regel

In der Theorie sieht das alles so wunderbar aus: Da haben seit Jahren hunderte von Unternehmen und Kommunen die “Charta der Vielfalt” unterschrieben – im Übrigen auch der DFB als 1000e Organisation. Mit ihrer Unterschrift verpflichten sich die Unterzeichner, „Anerkennung, Wertschätzung und Einbeziehung von Vielfalt“ zu fördern. Vielfalt bedeutet in diesem Zusammenhang die Vielfalt aller gesellschaftlichen Gruppen, vor allem jener, die seit jeher eher unterrepräsentiert sind: Frauen, ältere Menschen, Menschen mit anderer sexueller Orientierung, mit Behinderung oder anderen religiösen Wurzeln.

Tatsächlich bemühen sich vor allem einige Unternehmen in diesem Land, diese Vielfalt gezielt zu fördern. Es hat sich herumgesprochen, dass sich eine bunte Belegschaft auch betriebswirtschaftlich auszahlen kann – etliche Studien belegen, dass eine gemischte Führungsriege dem Unternehmen wirtschaftlichen Erfolg beschert. Und so werden ältere Mitarbeiter gefördert (BMW), Frauen mit Quoten in Führungspositionen gehievt (Telekom), Menschen mit Behinderung gezielt eingestellt und integriert (Metro). Da wird ein kulturelles Miteinander respektvoll gemanagt (Ford), eine lebisch-schwule Unternehmensgruppe wertgeschätzt und gefördert (Commerzbank).

Das alles ist löblich. Allerdings sind die genannten Firmen ohne Frage die Ausnahme und allesamt hinsichtlich ihrer Unternehmenskultur wesentlich weiter als die deutsche Gesamtgesellschaft, das beweist jetzt der groteske Aufschrei um Hitzlspergers Outing.

Männlichkeitsstrotzende Branche

Der losgetretene Hype spricht Bände über die Verkrustungen, die noch immer in vielen Köpfen hierzulande vorherrschen und er belegt schonungslos, dass eine wie auch immer geartete Vielfalt eben noch lange nicht als Selbstverständlichkeit gilt. Schon gar nicht in einer männlichkeitsstrotzenden Branche wie dem Profifußball, in der Kinder mal eben mit der Sekretärin während der Weihnachtsfeier gezeugt und der Erzeuger noch als toller weil spritziger Hecht gefeiert wird, in der ein breitbeiniger Steuersünder trotzig weiter als feiner Pfundskerl glorifiziert und im Amt belassen wird.

Dass es „Mut“ braucht, wie nun Hitzlsperger vielfach bescheinigt wird, um in solch einem Umfeld zu sagen, ja ich liebe einen Mann, entlarvt das direkte Umfeld als unmenschlich und zurückgeblieben. DARÜBER freilich spricht kaum einer.

Die Rückwärtsgewandtheit in den Köpfen hierzulande geht jedoch weit über Hitzlsperger und den Fußball hinaus: Da wird – allen Ernstes – tagelang darüber spekuliert, ob eine Frau auch Verteidigungsminister kann. Da hagelt es Kritik wenn selbige Frau die Bundeswehr, weil längst überfällig, familienfreundlicher gestalten will. Da werden Frauen am Arbeitsmarkt nach wie vor stark benachteiligt, da erhalten weibliche Mitarbeiter für die gleiche Arbeit signifikant weniger Lohn. Einer OECD-Studie zufolge belegt Deutschland im Kreise der OECD-Länder damit einen der letzten Plätze.
Da müssen sich Frauen selbst vom ach so aufgeklärten Führungspersonal großer Verlagshäuser, auch eigene Erfahrung, dreisteste Einmischungen ins Privatleben gefallen lassen („Weißt ja, schwanger werden ist nicht!“). Da müssen sich Frauen nur allzu oft entscheiden zwischen Familie oder Karriere. Eine Kombination, die in skandinavischen Ländern längst Normalität ist.

Betonköpfige Unternehmenslenker

Wie betonköpfig hierzulande männlich dominierte Führungsetagen immer noch agieren, beweist der internationale Vergleich. 2012 konstatierte die Hans Böckler Stiftung fast schon resigniert: „Insgesamt fällt Deutschland immer weiter zurück, weil in europäischen Nachbarstaaten gesetzliche Mindestquoten für deutlich mehr Frauen in den Führungsetagen sorgen.“

In dieser rückwärtsgewandten Gesellschaft werden Behinderte oft erst gar nicht eingestellt und ältere Mitarbeiter mit freundlichen Auflöseangeboten aus den Betrieben gedrängt. Einem jungen deutschen Familienvater (49), der nach Jahren in verschiedenen Führungspositionen im Ausland nach Deutschland zurückkehrte, erklärte die Arbeitsvermittlerin, er sei quasi unvermittelbar. Zu hoch qualifiziert und vor allem: Zu alt.

Nicht zuletzt werden Menschen mit Migrationshintergrund bei der Jobauswahl noch immer gezielt benachteiligt, weil die Unternehmenslenker ihre über Jahrzehnte gepflegten – und auch seitens der Politik (“Wer betrügt, der fliegt”) bis heute versprühten – Vorurteile und Rassismen pflegen. Selbige Unternehmenlenker beklagen, welche Idiotie, zeitgleich in etlichen Branchen einen grassierenden Fachkräftemangel.

Gleichberechtigung von Schwulen: Politik hinkt hinterher

Schließlich sind auch Schwule und Lesben in diesem Land noch immer weit davon entfernt, gleichberechtigt zu sein. Die Politik drückt sich seit Jahren davor, hier endlich die für eine aufgeklärte, zivilisierte Gesellschaft erforderlichen Schritte einzuleiten. CDU und CSU blockieren auf diesem wichtigen Feld immer wieder, weil sie ein vermeintlich heiles “normales” Mama-Papa-Kind-Familienleben (im Übrigen trotz der peinlichen Bigotterien eines führenden Christsozialen) glorifizieren. Immer wieder werden seit Jahren vom Bundesverfassungsgericht die Rechte homosexualler Paare gestärkt, Ungleichbehandlungen als verfassungswidrig gebrandmarkt. Dies zu erkennen und entsprechend zu handeln, wäre eigentlich Aufgabe der Politik. Die aber hinkt nach wie vor fast blind hinter der Lebensrealität vieler Deutscher hinterher.

Über all DAS sollten wir reden. Und darüber, wer endlich den Mut a la Hitzlsperger hat, in Politik und an anderen Schaltstellen dieser Republik diese Verkrustungen aufzubrechen und die Weichen für eine offene, vorurteilsfreie Gesellschaft zu stellen. Nur darüber zu lamentieren, wie mutig jemand ist, der sich dem rückwärtsgewandten Zeitgeist widersetzt, nur Beifall zu zollen, Öffentlichkeit für sich und seine Partei herzustellen oder nur Quote und Klickrate aus einem ach so bewundernswürdigen Schritt zu generieren, reicht eben nicht aus.

Über die Frage, wie man Vielfalt im Unternehmen (oder auch in der Kommune) strategisch nutzen kann, siehe folgenden Beitrag der Autorin, die auch als interkulturelle Trainerin und Beraterin für Diversity Management arbeitet.

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