Der Krampf der Kulturen

Die Bewahrung von Kulturen ist linksintellektuelles Glaubensbekenntnis – und ein gefährlicher Irrglaube

Von Michael Kraske

Es ist ein Klassiker intellektueller Party-Konversation: Andalusien, Serrano-Schinken über dem Tresen, ausgestorbene Straßen zur Siesta. Abends in Hinterhöfen Flamenco. Der wahre mit Seele, versteht sich, nicht der für Touristen. Eine gewachsene Kultur, ganz unverdorben von der zerstörerischen Gleichmacherei durch Mc Donald´s und Starbucks.

Die immer gleiche Geschichte bekommt man auf Familienfeiern und bei Freunden zu hören. Sie spielt mal in der Toskana, mal in der Provence. Kultur-Nostalgie ist über politische Lager und soziale Milieus hinweg beliebt. Doch der intellektuelle Fetisch ist ein gefährlicher Irrglaube. In letzter Konsequenz legitimiert das Recht auf kollektive Verschiedenheit nämlich Ausgrenzung und Diskriminierung bis hin zu ethnischen Säuberungen und Völkermord. Ethonopluralismus ist nur auf den ersten Blick ein tolerantes, friedliches Konzept. Vielmehr ist es die gefährlichste intellektuelle Waffe der Neuen Rechten. Kulturen sind nicht per se schützenswert!

Seit Ende der 70er Jahre haben Autoren wie Alain de Benoist, Henning Eichberg und Pierre Krebs die rechte Ideologie revolutioniert, indem sie auf die Abwertung vermeintlich minderwertiger Rassen verzichteten. Den belasteten Begriff der „Rasse“ ersetzten die Vordenker der Neuen Rechten durch die der „Ethnie“ und „Kultur“. Krebs forderte ein „Recht auf Verschiedenheit“ für alle Kulturen ein. Basken, Schotten, Kurden, Deutsche – allen steht demnach das Recht auf eine eigene Kultur zu. Krebs wünschte sich eine „heterogene Welt homogener Völker, nicht umgekehrt“. Dieser Slogan des Ethnopluralismus spricht auch vielen antiimperialistischen Linken aus der Seele. Statt „american way of life“ und „Meltingpot“ soll das Ursprüngliche einer Kultur erhalten bleiben. Selbst wenn jene, die von einer bestimmten Kultur sozialisiert sind, längst nicht mehr dort leben, wo ihre kulturellen “Wurzeln” verortet werden. So gesehen fußt auch der Multikulturalismus auf der Vorstellung bewahrenswerter Unterschiede kultureller Gruppen.

Angst vor Vermischung

Für Benoist schließt dieses Recht auf Verschiedenheit zwangsläufig auch „die Verpflichtung mit ein, dieses Recht auszuüben“. Mit anderen Worten: Unter allen Umständen muss verhindert werden, dass sich Kulturen vermischen. Das würde sie erst überfremden, dann vernichten. Dieses Schreckens-Szenario nennen die Neuen Rechten „Genozid“. Wobei wichtig ist zu betonen, dass bei dieser Art von „Genozid“ keiner stirbt – nur das geistige Konstrukt von Reinheit. Die Umdeutung leistet beides: Sie verharmlost echte Genozide – und sie erklärt die selbstverständliche Veränderung von Kulturen durch neue Einflüsse zu einem monströsen Verbrechen.

Um die dämonisierte Vermischung zu verhindern, müssen Menschen aus anderen Kulturkreisen fern gehalten werden. Eichberg hat folgerichtig ein „Kulturkonzept Deutschland den Deutschen“ propagiert. Denn natürlich muss Deutschen das gleiche Recht auf eigene Kultur zustehen wie einem bedrohten Indianerstamm. Die Brisanz des vermeintlich toleranten Modells einer Kulturenvielfalt ist evident: Im Ethnopluralismus ist der Ausländer nur so lange wertgeschätzt, wie er im Ausland bleibt. Wandert er ein und bedroht damit die kulturelle Homogenität, muss er weg.

Multikultur? Ethnopluralismus im Miniaturformat!

Ethnopluralistische Botschaften sind allgegenwärtig. Die NPD verbrämt seit Jahren ihre Ausländerfeindlichkeit mit dem Recht auf kulturelle Verschiedenheit. Aber auch viele, die in Talkshows, auf Podien und in Foren für eine Bereicherung der Gesellschaft durch multikulturelle Vielfalt werben, beziehen sich implizit auf kulturelle Gruppenzugehörigkeit, wie sie Charles Taylor in seinem Essay „Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung“ begründet hat. Taylor ging es um die Wertschätzung und rechtliche Absicherung kulturell-ethnischer Gruppen. Dieses Basismodell des Multikulturalismus ist bei genauerem Hinsehen eine Art Ethnopluralismus im Miniaturformat, denn das Individuum wird quasi als Kulturträger zwangsverpflichtet. Zwar ist das Nebeneinander von Kulturen in einer multikulturellen Gesellschaft ausdrücklich erwünscht, aber die individuelle Identität ergibt sich auch hier aus dem türkischen, schwäbischen oder muslimischen Background.

Der Diskurs über gesellschaftliche Vielfalt kreist heute zwar stärker um Diversität, die jedem zugesteht, mit unterschiedlichen kulturellen Codes zu leben. Gleichwohl lebt das Ideal von „Multikulti“ weiter. Gegen Leitkultur oder Sarrazin wurde gern mit einem Bekenntnis zur multikulturellen Gesellschaft argumentiert, inklusive der Annerkennung zementierter Gruppenunterschiede. Wolfgang Welsch erkennt im Multikulturalismus „bei allen guten Intentionen die Unterstellung einer kugelartigen Verfassung der Kulturen“. Wer in der Kugel gefangen ist, muss mitmachen – ob er will oder nicht.

Allzu viel Verständnis für kulturelle Unterschiede kann fatale Folgen haben. Mitarbeiterinnen von Terre des Femmes haben schon vor Jahren falsche Rücksichtnahme der Behörden bei Fällen von Zwangsheirat und häuslicher Gewalt etwa unter türkisch stämmigen Migranten beklagt. Bei Jugendämtern, Polizei und Staatsanwaltschaft sei es lange üblich gewesen, Gewalt gegen türkische Frauen und Mädchen mit dem Hinweis auf die so ganz andere türkische Kultur zu tolerieren. Immer wieder haben Richter „Ehrenmördern“ ihre kulturelle Prägung zugute gehalten. Im März sagte ein Richter in Wiesbaden, ein Deutsch-Afghane, der seine schwangere Ex-Freundin erstochen hatte, habe sich „aufgrund seiner kulturellen und religiösen Herkunft in einer Zwangslage befunden“.

Kultur oder Mensch

Am Ende läuft es auf die simple Frage hinaus, was mehr zählt: Kultur oder Mensch. Kollektiv oder Individuum. Wer Kulturen über alles stellt, entmündigt den Einzelnen. Türkische Mädchen müssten danach die Familienehre achten, ohne Recht auf ein Glück abseits dieses archaischen Ehrbegriffs. Ein solches Verständnis von Kultur macht alle zu Befehlsempfängern eines Systems, in dem man nicht nach seiner Facon glücklich werden darf, sondern verpflichtet ist, gemäß kultureller Vorgaben zu lieben und zu leben. Es macht einen fundamentalen Unterschied, ob man sich frei zu einer Kultur bekennt oder dazu genötigt wird. Das eine ist Selbstbestimmungsrecht. Das andere Freiheitsentzug.

So charmant eine Welt verschiedener Kulturen auf den ersten Blick erscheint, so wenig überzeugend kann der Ethnopluralismus sie herleiten. Denn welchem Kollektiv zu huldigen ist, bleibt willkürlich. Ist die fränkische Kultur schützenswert? Oder die bayerische? Die deutsche? Oder gar die europäische oder doch die der westlichen Welt? Diese Fragen lassen sich nicht eindeutig beantworten. Für jede dieser „Kulturen“ lässt sich ein organisches Wachstum behaupten, dessen Status Quo bewahrt werden muss.

Was ist deutsche Kultur?

Und was soll das überhaupt sein – deutsche Kultur? Klar, Goethe und Schiller, aber wie bewahrt und reproduziert man deutsche Kultur? Muss man um zwölf Uhr Mittag essen? Ist es undeutsch, erst um zwei zu speisen? Ist es deutsche Kultur, wenn Regisseur Fatih Akin einen Film über deutsche Lebenswirklichkeit dreht, in dem türkisch stämmige Migranten die Hauptrolle spielen? Oder bewahrt Herbert Grönemeyer die deutsche Kultur, wenn er anglo-amerikanisch inspirierte Rockmusik spielt? Darf man als Kulturenbewahrer überhaupt kreativ Neues ausprobieren oder muss man aus dem Fundus des Überlieferten schöpfen? Und wer darf am Ende entscheiden, was deutsche Kultur ist? Und warum sollte man überhaupt darüber entscheiden? Wenn es konkret wird, erweist sich das ethnopluralistische Modell als intellektuelle Luftblase.

Heißt das nun im Umkehrschluss, Kulturen seien wertlos? Natürlich sind einzelne Kulturgüter schützenswert. Doch schon beim Schutz der Sprache muss man genau unterscheiden. Wenn Kurden in der Türkei den offiziellen Gebrauch ihrer Muttersprache einfordern, berufen sie sich auf ein Menschenrecht. Wenn aber in Frankreich ein Gesetz zum Schutz der französischen Sprache erlassen wird, das Fremdwörter aus dem öffentlichen Leben verbannen soll, greift das in absurder Weise in individuelle Freiheitsrechte ein. Sprachen sind ein gutes Beispiel dafür, dass Kulturen nicht in Stein gemeißelt sind, sondern sich entwickeln. Natürlich heißt es T-Shirt und nicht „T-Hemd“. Das sagen nur Sympathisanten der NPD.

Wahnhafte Sehnsucht nach Reinheit

Trotz seiner Widersprüche ist Ethnopluralismus europaweit ein populäres politisches Programm. Wenn etwa schottische Nationalisten die Unabhängigkeit von Großbritannien anstreben, können sie sicher sein, viele Europäer auf ihrer Seite zu haben. Klein gegen groß. Selbst- gegen fremdbestimmt. Befreiungsnationalismus wird von links bis rechts als legitim angesehen. Je kleiner das freiheitskämpfende Volk, umso größer das Verständnis.

Vergessen wird häufig, dass es diesen Bewegungen nicht in erster Linie um demokratische Selbstbestimmung, sondern um Nationalismus geht. Von friedlicher Staatsgründung bis zum Massenmord – unter dem Banner des Befreiungsnationalismus ist alles möglich. Im zerfallenden Jugoslawien endete der kollektive Wahn einer Sehnsucht nach ethnischer und kultureller Reinheit für Tausende in Massengräbern. Lange hatten serbische, kroatische und bosnisch-muslimische „Ethnien“ friedlich zusammen gelebt. Bevor im Namen der jeweiligen Kultur vertrieben, vergewaltigt und gemordet wurde. Die „ethnischen Säuberungen“ zeigen drastisch, was passiert, wenn nur noch Kulturen und Völker zählen und nicht mehr der Mensch.

Reinheit? Gibt es nicht!

Menschen sind wichtiger als Kulturen. Wer will, soll Traditionen pflegen. Wer nicht will, hat jedes Recht auf einen individuellen Sonderweg. Wir brauchen auch keine Leitkultur. Wir haben Gesetze. Kulturelle Reinheit ist ohnehin eine Illusion. Auch das geliebte, unverdorbene Andalusien ist ein wildes Mosaik. Überall haben die Mauren ihre Spuren hinterlassen. In Granada die Alhambra. In Sevilla die Giralda. Menschen vermischen und verändern sich. Kulturen auch.

Der Essay ist in einer kürzeren Version unter dem Titel „Vermischt euch!“ in der taz erschienen.

Dieser Beitrag wurde unter Alle Artikel, Politik: Welt, STREIT-BAR abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.