B-NOTE 01 | Perfekt in Arroganz

Von Marcus Müller

debattiersalon | B-Note | Logo: Katharina Greve © 2013Arroganz ist es normalerweise nicht, was Bundeskanzlerin Angela Merkel vorgeworfen wird. Eher schon die bodenständige, direkte Beleidigung, wenn sie etwa über FDP-Chefbambi Philipp Rösler sagt, der sei gerne Vizekanzler. Vizekanzler! Und das ausgerechnet den Benutzern billigster Aufstiegs- und Leistungs-Rhetorik aus der FDP
Sehr oft erlaubt sich Merkel derlei nicht. Öfter, nein, fast immer, quält sie Zuhörer mit bräsig-verquastem Nichtssagen. Fast jede Regierungserklärung liefert dafür drei bis siebzehn 1-a-Beispiele. Dass sie manchmal offenbar auch gar nicht weiß, was sie von sich gibt, bewies Merkel, als sie sagte, sie freue sich darüber, „dass es gelungen ist, bin Laden zu töten.“ So viel gute Laune nach dem Tod eines Menschen, und sei er noch so ein Terrorist, gibt es auch nicht jeden Tag.
Aber jetzt kommt der Anwärter auf einen modernen Klassiker: Vor den Gorleben-Untersuchungsausschuss des Bundestags war Merkel am Donnerstag als Zeugin geladen. Wie es zu Unterschieden in Aussagen aus ihrer damaligen Zeit als Bundes-Umweltministerin und jetzt komme, sagte sie: „Weil ich damals noch nicht so perfekt war wie heute.“ Sie meinte damit tatsächlich ihre öffentliche Rede und wohl auch ihr Tun!

Nimmt man noch hinzu, dass Merkel auf ihrer Nach-Sommer-Pressekonferenz vor einigen Tagen tatsächlich – also echt! – gesagt hat, in ihrer Koalition würden Meinungsverschiedenheiten „mit Respekt geäußert“ und sie habe „viele Erfolge aufzuweisen“, dann kann das nur als dezenter Hinweis auf die Existenz mindestens eines Paralleluniversums genommen werden. Die Frau ist Physikerin, weiß sie mehr, als sie sagt?

Wenn Merkels Regierung wirklich einen Begriff von Perfektion oder Erfolg geben soll, dann erzählt sie uns demnächst auch noch, dass der indische Billigwagen Tata so etwas Ähnliches wie die Mercedes-S-Klasse sei. Spätestens seit gestern wird das geneigte Publikum Zeuge, wie die angeblich so nüchtern-bodenständige Angela Merkel schön arrogant vom Boden abhebt und sich dabei Gerhard Schröder’scher und Helmut Kohl’scher Perfektion nähert, in Wort und Tat.
Daher: Abzug in der B-Note!

Zeigen Politik, Gesellschaft, Medien und PR-Salat-Verkäufer ausreichend Grazie, wenn sie ihre Tätigkeit in Wort, Schrift, Bild und Hosenanzug ausführen? So wie das für Eiskunstläufer festgestellt wird, will Marcus Müller das in seiner Kolumne B-NOTE über unser Öffentlichkeitspersoal für den debattiersalon herausfinden. Sachdienliche Hinweise gerne an b-note@marcus-mueller-berlin.de. Zugegeben: Die taz war mit ihrer Dachzeile für die Olympia-Berichterstattung 2012 schneller mit der B-Note; aber, hey, das waren die Sprinter aus der Sportredaktion!

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